24.06.2026
RWTH Aachen quantifiziert zukünftigen
Energie- und Leistungsbedarf des Logistiksektors
Berlin, 23. Juni 2026.
Bis 2045 wird der jährliche Strombedarf des Logistiksektors
in Deutschland auf 186 Terawattstunden (TWh) steigen und damit achtmal höher
sein als heute. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom DSLV Bundesverband Spedition
und Logistik in Auftrag gegebene Studie des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika)
der RWTH Aachen University. Untersucht wurde der zukünftige elektrische
Energie- und Leistungsbedarf für Logistikimmobilen sowie für den Straßen- und
den Schienengüterverkehr im Transformationszeitraum 2025 bis 2045.
Wesentlicher Treiber des stark wachsenden Strombedarfs ist die
gesetzlich vorgeschriebene Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs. In einem
Baseline-Szenario gehen die Wissenschaftler von einem hohen Umsetzungsgrad der
europäischen Regulatorik zu den CO2-Flottengrenzwerten
aus, wonach ab 2040 bereits 90 Prozent aller neu zugelassenen Lkw lokal
emissionsfrei sein müssen. Dem Szenario zufolge entfallen auf den
Straßengüterverkehr 2045 155,8 TWh. Das sind 83,8 Prozent des gesamten
Strombedarfs der untersuchten Teilsektoren. Beim Betrieb von Logistikimmobilien
wie Distributionszentren, Fulfillment-Center, Cross-Docks, Kühlhäuser und
Hochregallager werden 22,3 TWh (12,0 Prozent) verbraucht, der Bedarf des
Schienengüterverkehr beläuft sich auf weitere 7,8 TWh (4,2 Prozent).
Insgesamt entfallen voraussichtlich 14 Prozent des nationalen
Gesamtstrombedarfs in Höhe von 1.270 TWh (vgl. Szenario „Klimaneutrales
Deutschland", Agora Energiewende) im Jahr 2045 allein auf den
Logistiksektor. Bereits 2035 wird die Logistik 109,6 TWh Strom benötigen – mehr
als das Vierfache des im McKinsey-Transformationspfad ausgewiesenen
Strombedarfs der Stahlindustrie und 60 Prozent über dem Bedarf, der für die
Chemieindustrie errechnet wurde. Die Logistik tritt damit in den direkten Wettbewerb
mit den energieintensivsten deutschen Industriesektoren um Netzkapazitäten und
bezahlbare Energie.
Der Strombedarf des Logistiksektors wird auch Lastspitzen verschärfen. Wenn in
Wintermonaten abends an Werktagen Lkw-Flotten in Depots mit Strom versorgt
werden, Gebäudebetriebslasten steigen und mit der Schienentraktionslast
zusammenfallen, können Überlagerungsspitzen von 57,09 Gigawatt entstehen. Das
entspricht 70 Prozent der heutigen deutschen Systemspitze.
Das Potenzial zur Eigenversorgung kann ausgebaut werden, bleibt aber begrenzt.
Die auf den Dachflächen der Logistikimmobilien installierbare
Photovoltaik-Leistung wird dem Baseline-Szenario zufolge bis 2045 auf 22,6
Gigawatt-Peak mit einer jährlichen Erzeugung von 20,5 TWh steigen. Da der
Strombedarf der Lkw-Flotten zukünftig stark zunehmen wird, wird selbst der
maximale Ausbau der Photovoltaik auf oder an Logistikimmobilien den Bedarf
nicht decken können. Ihr Anteil an der Deckung des Gesamtbedarfs wird deshalb
von heute 24 Prozent auf 11 Prozent im Jahr 2045 sinken.
Univ.-Prof.
Dr.-Ing. Lutz Eckstein, Leiter des Instituts für
Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen:
„Die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten ist ein wesentlicher Baustein im
Technologie-Mix, um den Güterverkehr ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu
dekarbonisieren. Zugleich steigt damit der elektrische Energiebedarf stark an
und erreicht nach unseren Modellierungen bis 2045 etwa das Achtfache des
heutigen Werts der Branche. Die auf Logistikdächern verfügbare Fläche bietet
mit Aufdach-PV Potential zur Eigenproduktion, reicht aber nicht aus, um diesen
Bedarf mehr als teilweise zu decken.“
Vor diesem Hintergrund fordert der DSLV Bundesverband
Spedition und Logistik entschlossenes Handeln für die Energiezukunft der
Logistik:
Die Elektrifizierung des Logistiksektors darf nicht am Stromnetz
scheitern. Die Netzplanung muss dem stark steigenden Strombedarf der
Logistik frühzeitig Rechnung tragen. Bund, Länder, Netzbetreiber und
Genehmigungsbehörden müssen den Ausbau auf allen Netzebenen – vom
Übertragungsnetz über die Verteilnetze bis hin zu Mittel- und
Niederspannungsanschlüssen an Gewerbe- und Logistikstandorten – zügig und
koordiniert vorantreiben. Dabei müssen die modellierten Lastspitzen in die
Netzentwicklungsplanung einbezogen werden. Planungs- und
Genehmigungsverfahren für Netzanschlüsse und Ladeinfrastruktur müssen
deutlich schneller und effizienter werden. Da der Logistiksektor seine
Leistung dezentral an tausenden Standorten erbringt, müssen
leistungsfähige Netzanschlüsse flächendeckend verfügbar sein.
Strom wird zum Wettbewerbsfaktor. Neben der Verfügbarkeit ist bezahlbarer Strom der Schlüssel zur nachhaltigen Dekarbonisierung des Güterverkehrs. Angesichts des wachsenden Bedarfs, der die Nachfrage anderer Wirtschaftszweige deutlich übersteigt, muss der Stromsteuersatz auch für den Logistiksektor auf das EU-rechtlich zulässige Mindestniveau abgesenkt werden, wie es heute schon für energieintensive Industriesektoren gilt. Deutschland muss sich hierzu für eine Anpassung des EU-Beihilferechts einsetzen. Zusätzlich braucht es lastvariable Netzentgelte, die Anreize zu netzdienlichem Laden außerhalb der Spitzenlastzeiten setzen. Investitionen in klimaneutrale Technologien müssen wirtschaftlich tragfähig bleiben – damit Logistik im EU-Binnenmarkt konkurrenzfähig bleibt.
Selbsterzeugter Strom bietet Möglichkeiten für mehr Autonomie und Autarkie. Logistikzentren entwickeln sich von Warenumschlagsplätzen zu Energie-Hubs mit Photovoltaik und Batteriespeichern. Dadurch können Lastspitzen geglättet und hohe Leistungspreise ausgeglichen werden. Logistikstandorte müssen deshalb als integrierte Infrastruktur- und Energieknoten gestärkt werden. Regulatorische Hürden für die Abgabe eigenproduzierten Stroms an Dritte – etwa an Transportdienstleister, die Güter anliefern oder abholen – müssen abgebaut werden. Dies gilt insbesondere für die EEG-bedingte Netzentgeltverpflichtung bei Stromlieferung über Grundstücksgrenzen. Bei neuen Logistikansiedlungen müssen Flächenvergabe und Netzanschlüsse zusammen priorisiert werden.
Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des DSLV
Bundesverband Spedition und Logistik, resümiert:
„Die Ergebnisse der RWTH-Studie machen den politischen Handlungsbedarf
unübersehbar. Der Logistiksektor wird immer stromintensiver. Die Transformation
des Güterverkehrs ist nicht nur eine verkehrspolitische, sondern in erster
Linie eine energiewirtschaftliche Herausforderung. Ohne den Ausbau der
Stromerzeugungskapazitäten, leistungsfähige Netze, wettbewerbsfähige
Strompreise und planbare Investitionsbedingungen wird die Energie- und
Antriebswende nicht gelingen. Der Logistiksektor muss in der Energiepolitik
gleichrangig zu industriellen Großverbrauchern behandelt werden.“
Die Studie „Elektrischer Energie- und Leistungsbedarf des
Logistiksektors in Deutschland“
Das Positionspapier des DSLV „Energiezukunft der Logistik
sichern“
Als Spitzen- und Bundesverband
repräsentiert der DSLV durch 15 regionale Landesverbände die
verkehrsträgerübergreifenden Interessen der 2.500 führenden deutschen
Speditions- und Logistikbetriebe, die mit insgesamt 600.000 Beschäftigten
wesentlicher Teil der drittgrößten Branche Deutschlands sind (Stand: Oktober
2025). Die Mitgliederstruktur des DSLV reicht von global agierenden
Logistikkonzernen, 4PL- und 3PL-Providern über größere, inhabergeführte
Speditionshäuser (KMU) mit eigenen LKW-Flotten sowie Befrachter von
Binnenschiffen und Eisenbahnen bis hin zu See-, Luftfracht-, Zoll- und
Lagerspezialisten. Der DSLV ist politisches Sprachrohr sowie zentraler
Ansprechpartner für die Bundesregierung, für die Institutionen von Bundestag
und Bundesrat sowie für alle relevanten Bundesministerien und -behörden im
Gesetzgebungs- und Gesetzumsetzungsprozess, soweit die Logistik und die
Güterbeförderung betroffen sind.
DSLV-Positionspapier_Energiezukunft-der-Logistik-sichern.PDF
Whitepaper_ika_RWTH-Aachen_Energie-und-Leistungsbedarf-Logistik.PDF

Speditions- und Logistikverband
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